Umsichtig baute Architekt Jürgen Radatz ein solides Hietzinger Vorstadthaus aus. Im thermisch sanierten Bestand hat die Baufrau ihre Praxis, darüber liegt die Schlafebene. Unauffällig fügen sich die zwei neuen Leichtbaugeschosse mit einem vorbedachten Fensterglasband ins ruhige Straßenbild. Im Süden überm Garten aber sorgen sie mit zwei Terrassen und Pflanzentrog für Sonne und Frischluft am Dach.
erschienen in: Der Standard, 27.1.2007
von Isabella Marboe

„Als ich das erste Mal hier war“, erinnert sich die Baufrau, „da hatte ich bereits das Gefühl, das ist mein Haus.“ Das ist fast 20 Jahre her, damals gehörte es der Großtante ihres jetzigen Gatten. Später erbte er das Haus, lang zögerte man mit dem Ausbau. „40 Jahre wurde nichts investiert, es wirkte wie ein Abbruchhaus.“ Doch Alternativen waren teuer und von der Lage nicht vergleichbar, das dritte Kind unterwegs, die Familie brauchte Platz, also ließ man den Bestand von einem Statiker prüfen.

Das 1892 solide gebaute Hietzinger Vorstadthaus mit Keller, Erdgeschoss, ersten Stock und Satteldach war problemlos ausbaubar. 10,5 m Traufenhöhe erlaubte die Bauordnung, Architekt Jürgen Radatz konnte das alte Dach durch zwei neue Geschosse ersetzen. Man wollte für die Zukunft bauen und gerüstet sein: das inkludierte eine baufrauliche Arztpraxis im Erdgeschoss, die spätere Teilbarkeit der Wohnebenen in zwei separate Wohneinheiten und einen Lastenaufzug. „Ich hab drei Kinder, ich muss das meiste schleppen,“ meint sie. „Im Alter wollen wir auch nicht schwer tragen,“ sagt er.

Rücksichtsvoller Umgang mit dem Bestand

Was intakt war, blieb erhalten, Neues wurde klar ablesbar in zeitlos moderner Architektursprache dazugefügt. Die schlichten Isolierglasfenster in der mineralisch wärmegedämmten Putzfassade geben gar nicht erst vor, alt zu sein. Dafür halten sie sich an die ursprünglichen Achsen und Maße und fügen sich so ans gleich alte Nachbarhaus vom selben Baumeister. Ruhig hebt der Aufbau mit einem transparenten Fensterband an. Sein leichtes, verblechtes Vordach reagiert auf die Gesimse nebenan und bildet eine optische Zäsur, hinter der unmerklich das Dach ansteigt. Auf der Hofseite im Süden holen die zwei Leichtbaugeschosse mit Terrassen und einem Pflanzentrog Luft, Sonne und Gartengefühl aufs Dach.

Im hellen Eingangsfoyer führen Stufen mit Kinderwagenrampe aufs Erdgeschossniveau. An den Straßenfenstern liegen Warteraum und Praxis, die zwei Behandlungsräume haben Gartenblick. Ein Geräteschuppenquader aus weiß lackierter Fichte mit Oberlichtband ziert die Gartenmauer, unter dem alten Nussbaum ist ein schattiger Sitzplatz, sorgfältig aufgeschlichtet säumen die zersägten Träme des alten Dachstuhls als efeuumrankte Mauer die Westgrenze. Der Weg zur Wohnung führt geradeaus am Lastenaufzug vorbei über die alte Treppe. In die hohen Räume unter den Hohlkehlen der Dippelbaumdecke des ersten Stocks nisteten sich Kinder- und Schlafzimmer ein. Eltern und Tochter profitieren von einem Kabinett, welches zu zwei Schrankräumen im Nordwesteck umgewidmet wurde, im edlen Bad mit Schieferboden und hinterleuchteter, verspiegelter Schrankwand lachen Sonne und Gartenblick durchs Fenster.

Neue Wohngefühle im Holzleichtbau

Darüber beginnt das luftige Wohnen im Holzleichtbau, durch die Glasbrüstung am Ende der alten Dachbodenreppe taucht der Blick gleich in die offene Ebene mit Lesegalerie.
Die Fensterbänder über den brüstungshohen MDF-Stauraumflanken halten den Quasi-Einraum möbelfrei und lassen ungehindert das Licht vom Luftraum im Norden zum Esstisch im Süden fluten. Gleitend geht er in die Küche am Südwesteck über, die sich zur Terrasse weitet. Hier fällt noch das letzte warme Abendlicht durch die Sonnenschutzlamellen. „Das ist der schönste Platz im Haus, da braucht man keinen Urlaub mehr,“ sagen die Bauherren. Als weißes, abstraktes Mauerband wickelt sich die Treppenbrüstung weiter um die Galerie. Von dort kann man ins Wohnen oder von der Südterrasse bis zum Lainzer Tiergarten blicken. Im Arbeitszimmer fällt der Himmel durch Dachflächenfenster, im Süden sorgt ein Pflanzentrog für frisches Grün.

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